Der Wind, der Wind – das himmlische Kind

W I N D E

Er ist überall, aber in allen Ländern und auf allen Meeren unterschiedlich.
Er kann zerstörerische Kraft entwickeln, aber auch poetische Augenblicke zaubern.
Er lässt sich weder fangen noch zähmen, aber in Energie umwandeln.
Der Wind, der Wind – das himmlische Kind.

Die Beaufortskala von 0–12 ist das allgemein anerkannte System zur Messung der Windstärke. 

Benannt ist sie nach dem englischen Admiral Francis Beaufort, der sie 1805 vorstellte. 1835 wurde sie in Brüssel bei der ersten internationalen Konferenz für Meteorologische zusammenarbeit offiziell bestätigt. Seitdem gilt sie Seeleuten und Meteorologen als Gradmesser zwischen Windstille und Orkan.

Die genauen Bezeichnungen lauten:

0 Windstille | Vollkommen glatte See
1 Leiser Zug | Sehr ruhige See
2 Leichte Brise | Ruhige See
3 Schwache Brise | Leicht bewegte See
4 Mäßige Brise | Leicht bewegte See
5 Frische Brise | Mäßig bewegte See
6 Starker Wind | Ziemlich grobe See
7 Steifer Wind | Grobe, unruhige See
8 Stürmischer Wind | Hohe See
9 Sturm | Sehr hohe See
10 Schwerer Sturm | Heftige Sturmsee
11 Orkanartiger Sturm | Heftige Sturmsee
12 Orkan | Gewaltig schwere See

Woher weht der Wind? Bis ins 12. Jahrhundert war es die einzige Möglichkeit, sich räumlich zu orientieren, indem man die großen Winde bestimmte. Denn mangels eines Kompasses hatte man von dem Begriff “Norden” keine Vorstellung. Zur Navigation auf See dienten astronomische Kenntnisse und die Bestimmung der großen Winde durch grafische Windrosen. In Athen orientierte sich die Bevölkerung am “Turm der Winde”. Erbaut im 1. Jahrhundert v. Chr. kann man ihn heute noch am Fuße der Akropolis bewundern. Anhand dieses ca. 12 Meter hohen Bauwerks konnten sich die Athener die Richtung der großen Winde vor Augen führen. An jeder Seite des achteckigen Turms befinden sich in personifizierter Gestalt die acht Winde: Boreas (Nord), Skiron (Nordwest), Zephyros (West), Lips (Südwest), Notos (Süd), Euros (Südost), Apeliotes (Ost) und Kaikias (Nordost).
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“Luv” oder “Lee” – Geografen und Seefahrer verwenden zur Beschreibung ihres Standorts oder eines anderen Orts die Begriffe “Luv” oder “Lee”, die immer für eine Verwechslung gut sind. An Bord eines Segelschiffs ist Luv die Seite, die den Wind direkt abbekommt, Lee ist die gegenüberliegende windabgewandte Seite. Die Standortbestimmung Luv- oder Leeseite gilt für Schiffe, Inseln, Küsten oder einen Berg. Für Laien verwirrend ist dabei, dass ein und dieselbe Örtlichkeit beide Bezeichnungen tragen kann – je nachdem wo sich der Betrachter befindet.
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Wind ist nicht gleich Wind. Bei der Seefahrt wird zwischen dem wahren Wind, dem Fahrtwind und dem scheinbaren Wind unterschieden. Der wahre Wind ist der meteorologische Wind, dessen Richtung und Windgeschwindigkeit gemessen wird. 

Als Fahrtwind wird der Gegenwind bezeichnet, den ein Fahrzeug in Bewegung hervorruft. Er kommt immer genau von vorn und ist der Bewegungsrichtung des Fahrzeugs entgegengesetzt gerichtet. In der Schifffahrt – und hier insbesondere beim Segeln – ist der scheinbare Wind von Bedeutung. Es handelt sich um den am fahrenden Schiff wahrgenommenen Wind, der sich aus dem wahren Wind und dem Fahrtwind ergibt. Schiffe mit Segelantrieb nutzen immer den scheinbaren Wind für die Ausrichtung der Segel.
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Die schnellsten Winde der Welt heißen “Tornados”. Sie entstehen in Gewittern und erreichen Windgeschwindigkeiten von über 500 Kilometer pro Stunde. Die Bezeichnung stammt aus dem Spanischen und bedeutet “drehend”. In den USA werden sie umgangssprachlich “Twister” genannt, in Deutschland auch als “Windhose” oder “Großtrombe” bezeichnet. 
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Der Wind als Garant für großes Sportvergnügen hat auf der ganzen Welt seine treue Fangemeinde. Surfer treffen sich an den bekannten und berüchtigten “Spots” – also Örtlichkeiten, wo es der Windgott besonders gut meint. Auf der Suche nach dem ultimativen Kick lauern sie hier auf den besten Wind und die perfekte Welle. 
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Windenergie spielte bereits lange vor den heutigen Windparks eine wichtige Rolle. In allen alten Zivilisationen finden sich Hinweise auf verschiedene Methoden, den Wind zu nutzen. Die ersten Bauwerke zur Windnutzung sind aus dem 7. Jahrhundert in Persien belegt. Ab dem 12. Jahrhundert tauchten Windmühlen in ganz Europa auf. Der Wind ist eine unerschöpfliche Energiequelle, die uns im wahrsten Sinne des Wortes “zufliegt”.

Der Mistral bläst dem Esel die Ohren weg – das sagen die Einheimischen über den tyrannischen Wind, der ein Merkmal des Südosten Frankreichs ist. Er kann an über 60 Tagen im Jahr Sturmstärke erreichen. Die Überlieferung, dass der Mistral immer drei, sechs oder neun Tage bläst, ist eine windige Geschichte, die nicht der Realität entspricht.
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Den Passatwinden verdankt die Menschheit die großen maritimen Entdeckungen seit dem 15. Jahrhundert. Die Engländer bezeichnen sie als trade-winds (Handelswinde), was die Bedeutung dieser Luftströme für die Schifffahrt erklärt. Sie treten zu einem Großteil des Jahres über dem Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean auf und sorgen auf der Passatrunde für günstige Windverhältnisse.
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Eine Auswahl der schönsten Namen für Winde: Bad-i-sad-o-bistroz weht vor allem im Südwesten Afghanistans und im Osten des Iraks. Sein Name lautet übersetzt “Wind der 120 Tage”. Chocolatero ist ein warmer Wind im Golf von Mexico. Durch den Sand in der Luft färbt sich der Himmel bräunlich – daher der Name. Monsieur de Port-l’écluse bringt in den Savoyen milde Temperaturen mit sich. Leider ist der Namensursprung nicht geklärt. Höllentäler bläst im Schwarzwald durch das enge Höllental, bevor er die weite Rheinebene erreicht. Cockeyed Bob bedeutet in etwa “Bob, der Spinner” und bezeichnet in Australien einen kleinen Tornado, der Staub und Blätter aufwirbelt.

“Wenn der Wind
der Veränderung weht,
suchen manche im Hafen Schutz, während andere
die Segel setzen.”